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Karl der Große - Pater Europae?

Kapitel 12 › Einheit 12: Frankenherrscher - Pater Europae - Vorreiter der Globalisierung? Aufgabe einblenden Aufgabe ausblenden

Frankenherrscher - Pater Europae - Vorreiter der Globalisierung?

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,

Sie haben sich gründlich, auf wissenschaftlichem Niveau und auf Grundlagen von Quellen und Literatur mit Karl dem Großen befasst. Damit habe Sie fachliches Wissen und wohl begründete Urteilsfähigkeit erworben. Das dürfen Sie nun in der letzten Aufgabe unter Beweis stellen - urteilen Sie in einem kleinen Essay fundiert über eine der Fragen, die auch die aktuelle Forschung umtreiben!

Sie haben schon darüber nachgedacht, inwieweit es gerechtfertigt ist, Karl den Großen als Pater Europae zu bezeichnen. Sie haben dabei auch schon bemerkt, dass es einen markanten Unterschied gibt zwischen Geschichte als historischem Geschehen und Geschichte als Reflektion über Vergangenheit vor dem Hintergrund der Gegenwart

Geschichte in der letzten Bedeutung ist immer geprägt von der Subjektivität des Betrachters und auch von gegenwärtigen Themen. Wie Karl der Große vom Vater der Nationen zum Vater Europas wurde, zeigt, wie wandelbar Geschichtsbilder sind.

Jede Generation stellt vor dem Hintergrund ihrer eigenen Zeiterfahrung ihre eigenen Fragen an die Vergangenheit. Das ist auch legitim. Sonst wären wir immer noch bei den heilsgeschichtlichen Geschichtsbildern des Mittelalters. Das Bewusstsein der Wandelbarkeit von Geschichtsbildern sollte uns aber auch immer mahnen, unsere Argumentationen und Fragestellungen transparent und methodisch reflektiert vorzutragen. Nur so lässt sich Wissenschaftlichkeit auch bei subjektiven Anteilen wahren.

Bedenken Sie dies bitte, wenn Sie nun anfangen, ihre Urteilsfähigkeit an dieser Frage zu prüfen:

Wie sollen wir mit Karl dem Großen umgehen? Ist er nur ein bedeutender Frankenherrscher, den wir in seiner Vergangenheit ruhen lassen sollten, oder kann er uns etwas sagen als Pater Europae oder gar als früher Vorreiter der Globalisierung?

Der letzte Aspekt ist übrigens gar nicht so weit aus der Luft gegriffen. Tatsächlich gab es in allerjüngster Zeit schon einige ernsthafte wissenschaftliche Ansätze zur Untersuchung dieser Frage. Sie sehen daran, wie wieder einmal eine der neuen brennenden Fragen der Gegenwart an die Vergangenheit herangetragen wird!

Schreiben Sie zwei bis drei Seiten, nicht mehr. Kürze ist auch eine Kunst! Trennen Sie Quellen von Wertungen, argumentieren Sie sauber und strukturiert und geben Sie zuletzt ein gut begründetes Urteil. Es kommt nicht darauf an, wie Ihr Urteil ausfällt! Wichtiger ist die Qualität Ihrer historischen Argumentation!

Stellen Sie Ihren Essay im Logbuch zur Diskussion!

Viel Spaß und viel Erfolg!

Frankenherrscher-Pater Europae-Vorreiter der Globalisierung?

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Karl der Große war zweifellos ein bedeutender Frankenherrscher. Sein Ziel musste es vor allem sein, die noch junge Dynastie erfolgreich fortzuführen. Wenn man die territoriale Größe als Erfolg wertet, dann gelang ihm sein Ziel, denn zu seiner Zeit erreichte das Frankenreich seine größte Ausdehnung.
Aber die Bedeutung seiner Herrschaft liegt m.E. in einer anderen Kategorie; eine Bedeutung, die über seine Zeit hinaus reichte. Er erkannte die Notwendigkeit neben territorialer Größe auch eine Art innerer Größe herzustellen. Die Notwendigkeit ergab sich aus dem Erkennen von gravierenden Defiziten in seinem Herrschaftsgebiet. Die Vergleichsmöglichkeiten waren seinerzeit zwar sehr beschränkt, aber wir wissen, dass es Gesandtschaften in und aus dem Orient gab mit beeindruckenden Geschenken wie z.B. die einer Uhr. Auch könnte er von der neuen aufziehenden Gefahr aus dem arabisch-islamischen Raum südlich des Mittelmeeres erfahren haben, denn auch hier wissen wir von einem Konflikt mit den Sarazzenen in Spanien. Seien es nun innere Defizite oder äußere Gefahren oder beides, Karl war kühn genug oder vom starken christlichen Glauben getrieben die erkannte Rückständigkeit seines Landes zu beseitigen. Dieser Zweck heiligte viele seiner Mittel, die zum Einsatz kamen.

Die Voraussetzungen für seine Herrschaft waren günstig: Durch den frühen Tod seines Bruders war er Alleinherrscher geworden und er erlebte eine lange Regierungszeit von 42 Jahren. Die Herrscherkonkurrenz Ostroms konnte ausgeschaltet werden. Alles dies eröffnete ihm gute Möglichkeiten Herrschaft in seinem Sinn zu gestalten. Dazu kam die vom Vater tradierte gute Verbindung zum christlichen Oberhirten in Rom. Karl selbst war vom Papst gesalbt und damit zum Herrscher legitimiert.

Herrschaft braucht Legitimation, aber sie braucht auch die Wertschätzung dieser Legitimation durch das Volk, wenn sie langfristig bestehen wollte. Als bekanntes Mittel für diesen Zweck kennen wir Herrschaftsinsignien, Symbole wie Krone und Zepter oder Lorbeerkränze. Bei Karl dem Großen können wir feststellen, dass er schon bald ein reichsweites Münzsystem einführte bei dem der Münze das Symbol des Kreuzes eingeprägt wurde.

Aber Symbole reichten nach Karls Überzeugungen nicht aus, um das Land zu stabilisieren, es zusammenwachsen zu lassen und die unterschiedlichen Stämme und Länder zu integrieren. Der Nachweis für seine derartigen Überzeugungen liegt in Schriften, die uns erhalten sind. Die "Admonitio generalis", die in gewissen Abständen immer wieder erlassen wurde und sich an Klerus und Volk richtete, verweist beispielsweise auf die Gefahr der "Irrtümer in den Sinnen". Andere Quellen wie die "Epistola de litteris colendis" bezeugen, dass Karl der Große nicht nur moralische Mängel in seinem Volk feststellte, sondern auch den Mangel an Sprachkompetenz; es ist die Rede von einer "ungebildeten Zunge" und von der "Gefährlichkeit der Irrtümer in den Wörtern". Diese von höchster Stelle festgestellten Mangelerscheinungen waren anscheinend Grund genug eine Bildungsreform einzuleiten.

Aus heutiger Sicht musste dies eine Mammutaufgabe gewesen sein. Wir wissen, dass es dazu Strukturen und Personal braucht. Denn es ist eine Sache Erlasse und Gesetze zu verfassen, die andere Sache ist für ihre Verbreitung zu sorgen und dafür dass sie auch Wirkung entfalteten. Betrachtet man die Siedlungsstruktur in Karls Reich erscheint diese Aufgabe schier unlösbar. Nicht nur war diese Struktur sehr heterogen sondern auch die Kommunikationsmittel rudimentär und die Wege weit und schlecht.
Karls Mittel diese Reform auf den Weg zu bringen, waren die religiösen Einrichtungen, die zum Teil schon bestanden oder jetzt erweitert wurden. Wie wir den "Libri Carolini" entnehmen können, entstand unter Karls Herrschaft ein "Ordnungsmuster aus Erzbistümern und Bistümern mit nachgeordneten Taufkirchen und Pfarrbezirken". Hier sollte man sich künftig nicht nur um religiöses Leben kümmern, sondern allgemein die Erziehung kultivieren und den Klerus "zu einem besseren Verständnis der christlichen Schriften" führen. Es gibt den Nachweis einer "Hofschule" und den Beleg dafür, dass auch Kinder unterrichtet wurden, die nicht eine geistliche Laufbahn einschlagen wollten. Eine andere Bildungseinrichtung mit Vorbildcharakter war der von Karl etablierte Gelehrtenkreis am Königshof. Es handelte sich hier um eine internationalen Bildungselite, die wahrscheinlich trotz der kaum vorhandenen Kommunikationsmedien eine gewisse Strahlkraft entfalten konnte, da auch Karl selbst diesem Kreis angehörte und daraus auch seine Berater rekrutierte.

Zusammenfassend und aus heutiger Perspektive lässt sich festhalten: Karl der Große initiierte einen Kulturschub. Er führte ein großes Territorium nördlich des Mittelmeers aus seiner kulturellen Dumpfheit. Die Tatsache, dass er an der fränkischen Erbteilung festhielt, lässt vermuten, dass ihm territoriale Größe weniger wichtig erschien als eine stabile Glaubensgrundlage - die Grundlage für ein christliches Abendland. Da es sich territorial weitgehend mit dem heutigen Europa deckt, ist die Bezeichnung "Pater Europae" nicht unbegründet. Damals allerdings war der Begriff "Europa" nicht bekannt und nur für wenige Gebildete eine Idee. Eine Globalisierungsidee ergibt sich m.E. nicht aus Karls Herrschaft, hier fehlt mir die ozeanische Komponente.

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