Graustufenlernen oder „Wie wir anders sind“

Ich werde oft gefragt: „Was ist anders an euch“. Lange Zeit empfand ich diese Frage als schwer zu beantworten. Selbstverständlich gibt es viele Online-Lernplattformen, die unterschiedlichste Kurse anbieten. Von außen betrachtet, scheint es schwierig diese zu unterscheiden. Gewöhnlich bestand meine Antwort aus einer kurzen Einführung in den technologischen Bildungsmarkt, was viele Leute natürlich nicht so interessiert. Heute ist meine Antwort auf diese Frage einfach: „Wir konzentrieren uns auf das, was wir das Graustufenlernen nennen.“

Das bedeutet, dass der Schwerpunkt unseres effektiven Instructional Designs auf Themen liegt, die keine richtige oder falsche Antwort kennen. Lernen bei iversity bedeutet nicht die „korrekte“ Antwort einfach nur zu reproduzieren. Es geht nicht um 0 oder 1, ja oder nein, schwarz oder weiß, sondern um die vielen Graustufen dazwischen. „Ich mache dieses, weil …“ und „ ich mache jenes, weil …“. Unsere Kurse schaffen eine offene Atmosphäre im sozialen Lernumfeld, die zum Erforschen einlädt. Es soll ein sicherer Raum sein, in dem Menschen zusammenkommen und sich über Lösungen austauschen, indem sie Meinungen, Fakten, Argumente präsentieren, die sie zu ihrer Schlussfolgerung gebracht haben.

Was bedeutet das praktisch? Unsere Kurse vermitteln mehr als nur die Basics. Wir möchten, dass man mehr lernt als einfach nur die Multiple-Choice-Fragen beantworten zu können (auch, wenn die einem gelegentlich mal begegnen werden). Das Lernen mit Graustufen lässt einen von verschiedenen Perspektiven auf ein Problem schauen und erkennen, dass es eben nicht nur diese eine Lösung gibt. Es mag in manchen Fällen sogar unendliche viele Lösungen geben. Ob etwas korrekt ist, hängt auch oft von dem Kontext ab. Es geht darum gemeinsam die wahre Bedeutung von “richtige Dinge richtig machen“ zu betrachten.

Was berufliche Weiterbildung von den Geisteswissenschaften lernen kann

Absolventen der Geistes- und mancher Sozialwissenschaften kommt vielleicht nicht alles hier bekannt vor, aber vieles macht die Essenz des Lehrens und Lernens in der akademischen Bildung aus. Ich würde argumentieren (und habe das auch schon in meinem Buch „Universität im 21. Jahrhundert“ getan), dass dieser Lernansatz nicht nur auf das theoretische Lernen in den Geisteswissenschaften zutrifft. Ich bin davon überzeugt, dass der Kern auch besonders in der praktischen beruflichen Weiterbildung liegt. Betrachten wir beispielsweise mal das Studium von Programmierern – für viele ist dieser Bereich so weit von den Geisteswissenschaften entfernt wie nur vorstellbar, aber, mal abgesehen von den Basics, haben diese zwei mehr gemeinsam als man denkt.

Graustufenlernen: Realität kommt in vielen Schattierungen

Selbstverständlich ist es wichtig erstmal die grundlegende Programmiersprache zu lernen, aber darüber hinaus gibt es viele Lösungen, die weder richtig noch falsch sind. Wenn man in die Architektur oder auf die Benutzerfreundlichkeit schaut,  wird das ganze dort schon etwas komplizierter. Will man die Sicherheit optimieren, die Nutzbarkeit, oder die Geschwindigkeit? Unterschiedliche Prioritäten führen zu unterschiedlichen Konfigurationen, die wiederum unterschiedliche Resultate liefern. Sobald man sich mit dem Austausch verschiedener Prioritäten auseinandersetzen muss, wird man feststellen, dass die optimale Lösung oft nicht existiert. Menschen werden über die ideale Lösung diskutieren, indem sie in verschiedene Richtungen argumentieren und sich auf spezielle Punkte konzentrieren. Plötzlich ist der Zusammenhang umso wichtiger und es wird deutlich, dass die vielleicht perfekte Lösung nicht existiert, dafür aber viele Alternativen – jede mit ihren eigenen Vor- und Nachteilen.

Dieses Beispiel zeigt, dass, sogar in einem Bereich, in dem 0 und 1 große Bedeutung haben, oft keine Eindeutigkeit herrscht, wenn man sich von der Theorie in die Praxis bewegt. Und dies ist nicht der einzige Fall. Es trifft auf alle Gebiete des Wissens zu.

Erfolg im Beruf liegt nicht im Lösen theoretischer Übungen, sondern im Finden von umsetzbaren Lösungen für komplexe, praktische Probleme. Daher glaube ich, dass Graustufenlernen die Zukunft des professionellen Lernens ist.

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